Choyong LC90

Ein Weltempfänger mit Internetradio, Bluetooth und Sprachsteuerung? Das gibt es tatsächlich - wenn auch meines Wissens bisher weltweit nur ein einziges Mal. Der Firma Choyong im südchinesischen Shenzhen, Provinz Guangdong ist der Brückenschlag gelungen. Klein, handlich empfangs- und klangstark - zudem auch noch in brillianter Optik: Das ist der LC90 - derzeit das Spitzenmodell im Hause Choyong. Ein Zusammentreffen zweier Welten, so möchte man meinem. Aber doch nur auf den ersten Blick. Die Liebe zum Radio und zum Fernempfang sind die verbindenden Elemente - und bei genauerem Hinsehen ergänzen sie sich gegenseitig in schönster Weise. So kann man brillantes Internetradio hören, wenn auf den analogen Bändern mal nichts zu empfangen ist, das einen anspricht. Ebenso ist es möglich, auf herkömmliche Weise Radio zu hören, wenn gerade mal das Internet streikt oder, ganz besonders wichtig, wenn man mal wieder vom Wellenfieber ergriffen wurde. Bei genauerer Betrachtung ist es doch eher erstaunlich, dass es so lange gedauert hat, bis solch ein Hybrid endlich entwickelt wurde - auf den man besonders in DXer-Kreisen schon lange gewartet und gehofft hat. Und das Menue gibt es jetzt auch auf Deutsch.
Wie soll man den ersten Eindruck beim Auspacken des Radios beschreiben? Formschön, übersichtliches Display, weitgehend selbsterklärende Funktionstasten. Ein genaueres Studium der beiliegenden (englischsprachigen) Dokumentation empfiehlt sich aber trotzdem, zumal das Gerät sehr viel mehr kann, als man auf den ersten Blick annehmen möchte. Um den Einstieg zu erleichten, habe ich eine deutschsprachige Gerätebeschreibung erstellt.
Gerade einmal 640 Gramm wiegt er, einschließlich einer wiederaufladbaren und austauschbaren Batterie. Normalerweise drückt man auf den Einschaltknopf und das Radio spielt. Beim Choyong LC90 ist das aber anders: Ganze zwei Sekunden muss man die rote Einschalttaste drücken - was eigentlich sehr praktisch ist, weil es versehentliches Einschalten, z.B. während des Transports, unwahrscheinlicher macht. Das Gerät verfügt trotzdem noch zusätzlich über einen Sperrmechanismus - ebenso auch über eine Timer- bzw. Weckerfunktion.
Während die analogen Bänder gleich beim ersten Einschalten verfügbar sind, benötigen die Online-Möglichkeiten natürlich eine Verbindung zum Internet. Oben in der Mitte findet man die Taste zur Konfiguration des Geräts. Verfügbare Netzwerke werden automatisch erkannt - allerdings nur von Systemen, die über ein 2.4-GHz-WLAN verfügen. 5-GHz wird derzeit noch nicht unterstützt. Nach einmaliger Eingabe des Netzwerkschlüssels sind dann auch schon alle Empfangsmöglichkeiten komplett verfügbar. Während herkömmliche Internetradios ausschließlich über eine WLAN-Funktion verfügen, bietet das Choyong-Radio auch noch zusätzlich die luxuriöse Möglichkeit, unabhängig von einem lokalen Netzwerk Internetsender zu hören. Dafür gibt es auf des Unterseite zwei Einschubfächer: Mit einer Daten-SIM-Karte kann man damit vollkommen unabhängig von einem eigenen Netzwerk Musik hören - weltweit - vorausgesetzt, es gibt an dem jeweiligen Ort verfügbaren Internetempfang. Das zweite Einschubfach ist für eine TF-Karte vorgesehen, auf der man eigene Musik speichern und abspielen kann. Bis zu 32 GB sind möglich. Bevor man eine Karte einsetzt, sollte man das Gerät allerdings besser ausschalten.

Internetradio
Wenn man das Radio gestartet hat, stehen die analogen Bänder (LW, MW, KW, UKW) sofort zur Verfügung - für die Onlinesender muss sich das Gerät allerdings immer erst mit dem WLAN und WAN verbinden, was ein paar Sekunden dauern kann. Die Firma Choyong verwaltet eine eigene Datenbank, in der die Online-Radios bereitgestellt werden. Die Auswahl ist enorm. Über 45.000 Sender stehen zur Verfügung. Und findet man doch einmal einen bestimmten Sender nicht, so kann man diesen über eine Online-Schnittstelle ganz einfach selbst ergänzen. Die Sender sind sortiert nach Kontinenten und Ländern. Die deutschen Stationen sind den jeweiligen Bundesländern zugeordnet, den Öffentlich-Rechtlichen ist ein eigenes Kapitel gewidmet. Zusätzlich zu den vielen Internetradios findet der Hörer eine nahezu grenzenlose Zahl an Podcasts vor. Für das Auffinden von Sendern oder Podcasts gibt es der Einfachheit halber die Tasten "News", "Musik" und "Podcasts". Zudem kann man nach Tags oder der jeweiligen Sprache selektieren. Und damit nicht genug: Der LC90 hat auch eine Sprachsteuerung. So kann man mit dem Radio "reden" und ohne langes Tippen und Schrauben einfach den jeweils gewünschten Sender "aufrufen". "Suche bitte BBC Radio" oder "spiel bitte den Kontrafunk" - und schon werden die Stationen gesucht und in einer Trefferliste angezeigt, aus der man den gewünschten Sender dann auswählen kann. Gerechterweise muss hinzugefügt werden, dass die Sprachsteuerung nicht zu 100% funktioniert - was auch oft daran liegt, dass das gesprochene Wort nicht immer korrekt interpretiert wird. Ab und zu konnte es helfen, wenn ich den Sendernamen Englisch ausgesprochen habe. Die Klangqualität des LC90 ist erstaunlich gut. Allerdings ist das natürlich auch abhängig von der übertragenen Datenrate des eingestellten Senders.
Bluetooth und TF
Hat man sein Radio mit einem Bluetoothgerät gekoppelt, z.B. einen Mobiltelefon, dann ist man sein eigener Programmdirektor und kann bequem Musikdateien oder Youtube-Audio abspielen. Durch die zusätzliche Möglichkeit, Musik, Podcasts, Hörspiele usw. auf einer TF-Karte bereitzustellen und abzuspielen, sind die Möglichkeiten, die das Radio bietet, nahezu unbegrenzt.

Das analoge Radio
UKW / FM
Das Frequenzspektrum für UKW reicht von 64 MHz bis zu 108 MHz - einstellbar in 10 und 100 KHz-Schritten. Auch eine Direkteingabe der Frequenz über die Zahlenfelder ist möglich. Als Referenzgeräte habe ich für meine Tests und Vergleiche den Sony ICF 7600 GR und den kleinen, auf FM sehr empfangsstarken Deepelec DP-666 verwendet. Während die Empfangsleistung des chinesischen LC90 nahezu ebenbürtig mit dem DP-666 ist, kann der Sony nicht mithalten. Der Klang der wiedergegebenen Sender ist brillant. Da ist der Choyong den beiden Referenzgeräten weit überlegen. Auch hier als Beispiel: "Deutschlandradio Kultur" sendet mit 200 Watt von der Berliner Allee in Freiburg i. Br. und kann hier in Herbolzheim im nördlichen Breisgau problemlos und störungsfrei empfangen werden. Ebenso "uniFM", das von der Freiburger Uniklinik mit 300 Watt sendet. Auch "Freies Radio Wiesental", 500 Watt und 60 km entfernt, konnte sowohl mit dem DP-666 als auch mit dem LC90 gehört werden. Der Sony musste bei allen drei Sendern passen.
Langwelle / Mittelwelle
Auch Lang- und Mittelwelle kann mit dem LC90 empfangen werden. Dafür besitzt das Gerät eine eingebaute Ferritantenne. Ungewöhnlich ist, dass ergänzend auch die Teleskopantenne verwendet werden kann, was den Empfang deutlich verbessert. Trotzdem muss man sagen, dass die Mittelwelle wie auch die Langwelle den eigenlich einzigen echten Schwachpunkt bilden. Klein- und Kleinstsender wie beispielsweise das Museumsradio aus Bad Ischl zu empfangen, ist sehr schwierig. Zur Ehrenrettung sollte man aber hinzufügen, dass das Radio über eine Buchse für eine externe Antenne verfügt - was ganz besonders im AM-Bereich von Vorteil ist. Wenn ich das Gerät mit meiner Wellbrook Loop verbinde, sind die scheinbar unhörbaren Sender plötzlich hörbar - und ein verrauschter "Channel 292" kann auf diese Weise wunderbar klar gehört werden. Auch soll nicht unerwähnt bleiben, dass es auf Mittelwelle hier in Mitteleuropa ohnehin nur nach Einbruch der Dunkelheit etwas zu hören gibt. Das Spektrum des LC90 auf der Mittelwelle reicht von 522 bis 1710 KHz und kann in Schritten von 1, 9 oder 10 KHz eingestellt werden. Schön ist zudem die variierbare Bandbreite der Sender - die auch für die anderen Analogbänder möglich ist.
Kurzwelle
Die Kurzwelle reicht lückenlos von 2.300 KHz bis hin zu 29.999 KHz. Ebenso wie die anderen Bänder lässt sich die Kurzwelle sowohl über Drehknöpfe abstimmen, als auch direkt eintippen. Zusätzlich steht SSB-Empfang sowohl für den oberen als auch den unteren Bereich zur Verfügung, was sicherlich den Amateurfunkfreunden gefallen dürfte. Die einstellbare Bandbreite erweitert die Möglichkeiten noch mehr. Die Empfangsleistung mit der eingebauten Teleskopantenne ist sehr ordentlich und durchaus ebenbürtig mit dem Grundig Satellit 700 oder dem Sony ICF 7600 GR. Allerdings wirkt auch auf der Kurzwelle der Anschluss einer guten externen Antenne Wunder.

Fazit
Im Vergleich zu den recht wenigen Schwachpunkten überwiegen beim LC90 ganz klar die Sonnenseiten. Ich selbst habe schon lange auf solch ein Radio gewartet und freue mich sehr, dass Choyong den Mut gefunden hat, so etwas zu bauen. Für solch ein hochwertiges Gerät ist der Preis von derzeit um die 250 Euro durchaus moderat, denke ich. Für die Zukunft sollte Choyong allerdings auch den Empfang von DAB-Radio berücksichten, zumal es bereits jetzt Länder gibt, in denen es auf UKW nichts mehr zu empfangen gibt. Auch DRM, also die digitale Mittel- und Kurzwelle sollte man als chinesischer Hersteller nicht aus dem Blickfeld verlieren - wo doch sowohl China als auch Indien diese Technik immer stärker zum Einsatz bringen wollen.